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Geschichte der Pfadi im Detail

Hier findest du alle Informationen zur Gründung der Pfadi in Grossbritannien und wie die Pfadiidee ihren Weg in die Schweiz fand. Zudem kannst du die Geschichte der Buben- und der Mädchenpfadi nachlesen, die 1987 zur Pfadibewegung Schweiz fusionierten.


Robert Baden-Powell und die Entstehung der Pfadiidee

Das abenteuerliche Leben von Lord Robert Baden-Powell (BiPi) und wie es dazu kam, dass er zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Pfadfinder gründete.

1. Geburt und Kindheit

Lord Baden-Powell of Gilwell war der Gründer der Pfadi. Er ist am 22. Februar 1857 in London, als zwölftes von vierzehn Kindern eines anglikanischen Pfarrers, geboren. Er wurde auf den Namen Robert Stephenson Smyth Baden-Powell getauft. Sein Vater starb, als Robert drei Jahre alt war.

Während seiner Kindheit fühlte sich Robert sehr zu seinem Grossvater hingezogen. Dieser weckte in ihm die Lust am Abenteuer und am Beobachten der Natur. Im College nutzte er jede freie Minute, um einen verwilderten Park zu durchstreifen, Spuren der Tiere zu suchen und sich im Freien zurecht zu finden. Schon damals lernte Baden-Powell, dass das Waldläufertum mehr war als Indianerspielerei, es war eine hervorragende Schulung des Charakters und der Persönlichkeit junger Menschen.

2. Baden-Powell wird Offizier

Nach Abschluss des Colleges bewarb sich Baden-Powell um einen Ausbildungsplatz zum Offizier bei der britischen Armee. Er legte das Aufnahmeexamen mit Glanz ab und wurde sofort zum Unterleutnant der Kavallerie befördert.

Mit dem 13. Hausregiment konnte Baden-Powell nach Indien fahren. Dort fiel er auf, weil er nicht wie seine Kameraden sein Geld in Bars verschwendete, sondern sich in der freien Natur vergnügte. Sein Freund E. E. Reynolds schrieb: «Am liebsten schlich sich BiPi in den Dschungel. Dort lag er regungslos und beobachtete die wilden Tiere, wie sie zur Tränke zogen – den Hirsch, den Schakal, den Eber und den Bären.»

Er war überall unter dem Namen BiPi bekannt (seine Initialen B.P. englisch ausgesprochen). BiPi war bei seinen Kameraden sehr beliebt, denn er konnte gut singen und Theater spielen.

Seine Talente kamen auch den Vorgesetzten zu Ohren. Sie übertrugen ihm die Ausbildung der Scouts, der Pfadfinder, die nicht im offenen Kampf eingesetzt wurden, sondern das gegnerische Lager auskundschaften mussten. Baden-Powell hielt sich bei der Ausbildung der Scouts nicht an herkömmliche Methoden, sondern zeigte seinen Schützlingen spielerisch, wie sie sich zu verhalten hatten. Er erklärte ihnen, was der Zweck ihrer Arbeit war, und er versuchte, ihnen die Freude an der Tätigkeit zu zeigen. Er gab keine strikten Anordnungen, sondern nur Tipps und Anregungen, die zur Lösung eines Problems halfen. Er hielt keine langen Vorträge über seine eigenen Erfahrungen, denn er wollte, dass seine Schützlinge aus ihren eigenen Erfahrungen lernten. «Learning by Doing» nannte er dieses System. Baden-Powell überzeugte und führte, indem er ein Vorbild gab!

3. Erfahrungen im Krieg in Afrika

1899 erschien Baden-Powells erstes Buch «Aids to Scouting». Er empfahl es dem englischen Generalstab als allgemeine Ausbildungslektüre.

Im selben Jahr wurde Baden-Powell nach Afrika versetzt. Er sollte dort, in Mafeking, einer kleinen Frontstadt, britische Soldaten für den Dschungelkampf ausbilden. Am 11. Oktober 1899 wurde die kleine Stadt von 9000 Buren umzingelt. In Mafeking selbst befanden sich ausser Frauen, Kindern und Jugendlichen nur 700 ausgebildete Soldaten und etwa 300 Zivilisten (meist ältere Männer). Baden-Powell war entschlossen, die Stadt zu verteidigen. Er verteidigte die Stadt nicht mit Gewalt, sondern mit List, indem er den Buren eine viel grössere Anzahl Soldaten und Munition vortäuschte. Die Buren wagten nicht, anzugreifen. Im Mai 1900 wurde Mafeking befreit. Baden-Powell war es gelungen, die Stadt 217 Tage zu verteidigen.

Damit die Soldaten für den Ernstfall immer bereit waren, überliess er den Jungen aus der Stadt leichtere militärische Aufgaben. Sie konnten als Sanitäter, als Meldegänger und als Späher eingesetzt werden. Dabei stellte Baden-Powell zu seiner Verblüffung fest, dass auch die Jungen Verantwortung übernehmen konnten, wenn man ihnen nur das nötige Vertrauen entgegenbrachte. Diese Erkenntnis war damals revolutionär, da die Pädagogen zu dieser Zeit den Jugendlichen noch kein Vertrauen entgegenbrachten. Man glaubte, dass man die Jungen und Mädchen nur unter sehr strengen Bedingungen erziehen könne. Dass heutzutage die Lehrer die Jugendlichen als ernst zu nehmende Partner behandeln, ist nicht zuletzt Baden-Powells Erkenntnis zu verdanken.

4. Das «Pfadfinder-Konzept» entsteht

Nach diesem Krieg wurde Baden-Powell nach England zurückbeordert. Er wurde zum General befördert und mit dem Kreuz des Bath-Ordens ausgezeichnet. Schon bei seiner Ankunft stellte er fassungslos fest, dass er ein Held geworden war. Die englischen Zeitungen hatten von der Belagerung Mafekings berichtet und ganz England hatte den spannenden Kampf um Mafeking verfolgt.

Besonders die Jungen waren begeistert von Baden-Powell. Sein Buch «Aids to Scouting» war ein Jugendbuch-Bestseller geworden. Baden-Powell war gar nicht glücklich darüber, denn es war ein militärisches Buch. Als Mann, der den Frieden liebte, wollte er nicht, dass ein derartiges Buch in die Hände der Jungen kam. Die Entwicklung war jedoch nicht mehr rückgängig zu machen, da beschloss Baden-Powell ein zweites Buch zu schreiben. Dieses wollte er «Scouting for Boys» nennen. Baden-Powell las ein Buch namens «Kim», geschrieben von seinem Freund Rudyard Kipling. Er war davon tief beeindruckt, denn es bestätigte seine Erkenntnisse aus Mafeking. Er erkannte auch, dass sich nützliche Fähigkeiten am besten durch Spiele erlernen liessen. Deshalb nahm er sich vor, sinnvoll gestaltete Spiele in sein geplantes Buch «Scouting For Boys» einzubeziehen. Wieder wurde Baden-Powell nach Afrika geschickt, diesmal um die südafrikanische Schutzpolizei auszubilden. Die berittenen Polizisten trugen einen breitrandigen Hut, ein Halstuch und ein Khakihemd – die spätere Tracht der Pfadfinder. 1903 wurde Baden-Powell in England zum Generalinspekteur ernannt. Er erhielt den Befehl, die Kavallerie neu zu organisieren. Diese Aufgabe beanspruchte ihn sehr lange, und erst als die Kavallerie seinen Vorstellungen entsprach, konnte er sich wieder seinem bevorzugten Thema, der Jugenderziehung, zuwenden.

5. Das erste Pfadilager

Bevor Baden-Powell aber zur Feder griff, wollte er eigene Erfahrungen sammeln. Zu diesem Zweck organisierte er ein Lager. Er trommelte insgesamt 22 Jungen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten zusammen. Mit diesen 22 Jungen ruderte er im Sommer 1907 zur Insel Brownsea hinüber. Dort schlugen sie die Zelte auf.

Baden-Powell berichtete später: «Der Trupp der Jungen wurde aufgeteilt in Patrouillen zu fünf Mann. Der älteste wurde Patrouillenführer. Diese Einteilung in kleine Gruppen war das Geheimnis unseres Erfolges.» Jedem Patrouillenführer wurde volle Verantwortung für das Verhalten seiner Leute übertragen, und zwar für die ganze Zeit des Lagers. Die Patrouille war eine Einheit für Ausbildung, Arbeit und Spiel. Jede Patrouille lagerte an ihrem eigenen Platz. Die Jungen wurden bei ihrer Ehre verpflichtet, die angeordneten Dinge auch auszuführen.

Verantwortlichkeit und gesunde Rivalität wurden auf diese Weise geweckt. Eine gute, grundlegende Ausbildung erfolgte jeden Tag für den ganzen Trupp, und so wurden alle fortschreitend in den Grundlagen des Pfadfindertums geübt. In ganz England sprach man vom Held von Mafeking, der ein Jugendlager veranstaltet hatte, in dem kein erzieherischer Zwang ausgeübt worden war.

Die meisten Engländer zeigten sich begeistert von Baden-Powells neuer Form der Jugenderziehung. Unter den Anhängern war auch der Londoner Verleger Pearson. Dieser wollte eine Jugendzeitung mit dem Namen «The Scout» gründen, wenn sich Baden-Powell verpflichtete, dafür Artikel zu schreiben. In seinem fünfzigsten Lebensjahr wurde der General Jugendführer!

6. Scouting for Boys

In der Windmühle von Wimbledon verwirklichte er endlich seinen Plan und schrieb das Buch «Scouting for Boys». Es erschien als Serie, Kapitel für Kapitel, in der Zeitung «The Scout». Später wurde es, in viele Sprachen übersetzt, zum grössten pädagogischen Werk unseres Jahrhunderts. Wieso kam es zu diesem Erfolg? «Scouting for Boys» war keine der üblichen schwer verständlichen Abhandlungen eines Pädagogen. Es war ein einfaches Buch, es war eine Erzählung, eine Plauderei am Lagerfeuer, behaglich und spannend erzählt. Baden-Powell berichtete von seinen Abenteuern in der Steppe und im Dschungel. Man erfuhr, wie man ein Feuer ohne Streichhölzer macht, wie man Entfernungen schätzt, Fährten von Tieren und Menschen deutet und verfolgt, Knoten bindet, wie man die Himmelsrichtungen ohne Kompass ermittelt und Erste Hilfe leistet. Er empfahl den Jungen, sich in kleinen Gruppen zusammen zu tun, täglich eine gute Tat zu leisten und immer hilfsbereit zu sein.

Viele Kritiker fragen sich, was das alles mit Pädagogik zu tun habe. Baden-Powell schrieb wirklich nicht viel über psychologische Persönlichkeitsentwicklung, Motivationssteuerung und ähnliche Schlagworte. Er gab den Jungen Tipps, wie sie spielerisch, ohne es zu merken, diese Ziele erreichten.

7. Die Pfadi-Idee im Urteil der Pädagogen

Später befassten sich Universitätsprofessoren, Pädagogen und Psychologen mit Baden-Powells Buch und haben den tieferen Sinn herausgefunden: Wer beispielsweise als Jugendlicher ohne Kompass wandert und ständig auf alle natürlichen Anzeichen der Orientierung achten muss, der wird sicherlich auch als Erwachsener in seinem beruflichen und privaten Leben die richtige Linie wählen und nicht auf Abwege geraten. Wer als Jugendlicher bei den Pfadfindern gelernt hat, Entfernungen zu messen, um zu wissen, ob er mit seinen Kräften das Ziel einer Wanderung in einer Etappe erreichen kann, der wird später auch das Ziel einer beruflichen Aufgabe gut einschätzen können.

Auf einer Urlaubsreise nach Südamerika im Jahre 1909 wurde Baden-Powell zu seinem Erstaunen von einer Gruppe Pfadfinder empfangen. Die Jungen trugen Khakihemden, ein Halstuch und einen breitrandigen Hut. Sie erklärten Baden-Powell, dass sie sich die Zeitschrift «The Scout» über den Ozean hatten schicken lassen. Er nahm ihnen das Pfadfinderversprechen ab und erklärte diese Gruppe zur ersten ausländischen Pfadfinderorganisation. Baden-Powell erkannte, dass er mit der Pfadfinderorganisation voll ins Schwarze getroffen hatte. Er wollte eine Bruderschaft gründen, eine Bruderschaft für friedliche Zwecke und ohne Trennung nach Gesellschaftsklasse, Rasse, Nationalität oder Religionsgemeinschaft.

8. Die weltweite Pfadfinderbewegung entsteht

Baden-Powell organisierte 1909 ein Pfadfindertreffen in London. Unter den 11 000 Teilnehmern entdeckte er eine Schar Mädchen. Sie trugen auch eine Pfadfindertracht, kamen auf ihn zu und sagten: «Wir sind Girl Scouts, Mister Baden-Powell.» Baden-Powell war begeistert, dass sich seiner ursprünglich nur für Knaben gedachten Organisation auch Mädchen anschliessen wollten.

Damals war eine Gemeinschaftserziehung von Mädchen und Knaben noch undenkbar, deshalb wurden sie sehr streng getrennt. Die Jungen zu den Boy Scouts und die Mädchen zu den Girl Guides. Baden-Powell entschloss sich, sein Buch «Scouting for Boys» für die Interessen der Mädchen umzuschreiben. Seine Schwester Agnes half ihm dabei. Im Jahre 1912 heiratete Baden-Powell die 22-jährige Olave St. Clair. Olave begeisterte sich für die Pfadfinderei und übernahm im Jahre 1916 die Führung der englischen Girl Guides.

Zu dieser Zeit kam BiPi zur Entscheidung, die Jugendlichen in zwei Altersgruppen zu teilen:

  • Die Wölfe (Kinder bis zum 11. Lebensjahr)
  • Die eigentlichen Pfadfinder (mindestens 12-jährig)

Beide Gruppen sollten eine getrennte, ihrem Alter angepasste Ausbildung erhalten. Seit 1919 gibt es auch eine dritte Altersgruppe, die Rover (vom 19. bis 21. Lebensjahr).

9. Das erste Jamboree

Von einem schottischen Landedelmann erhielten die Pfadfinder 1919 den Gilwell Park in London. Dieser diente als Ausbildungszentrum für Scoutmaster (Pfadfinderleiter). 1920 veranstaltete BiPi das erste internationale Pfadfindertreffen (Jamboree) in London. In der Olympia Hall kamen 8000 Pfadfinder aus 27 Ländern zusammen. Bei dieser Gelegenheit wurde Baden-Powell zum «Chief Scout of the World» ausgerufen. Schon 1922 zählte die Pfadfinderbewegung über eine Million Mitglieder in 32 Ländern. Die Pfadfinderinnen hatten inzwischen unter der Leitung von Olave Baden-Powell grosse Fortschritte gemacht. Auch sie erhielten zwei internationale Ausbildungszentren entsprechend dem Gilwell Park.

10. Rückkehr nach Afrika

1929 wurde Baden-Powell vom König zum Lord geadelt. Er hiess jetzt Lord Baden-Powell of Gilwell. Ein Jahr später wurde Lady Olave Baden-Powell zur «Chief Guide of the World» ernannt. Baden-Powell verabschiedete sich offiziell vom aktiven Pfadfinderleben im Jamboree in Holland, 1937: «Es ist Zeit für mich, dass ich euch good-bye sage. Ich bin in meinem 81. Lebensjahr und nähere mich dem Lebensende. Die meisten von euch aber sind am Beginn des Lebens». Danach zog er sich in sein Haus, in der Nähe von Nyeri, im ostafrikanischen Kenia, zurück.

Am 8. Januar 1941 starb Baden-Powell. Er wurde auf dem Friedhof von Nyeri beerdigt. Auf dem Grabstein befindet sich ein Kreis mit einem Punkt darin. Es ist ein internationales Pfadfinderzeichen und es heisst: «Ich habe meinen Auftrag erfüllt und bin nach Hause gegangen.»

Lady Olave Baden-Powell starb am 26. Juni 1977.


Referenz:
Auszug aus der «Diplomarbeit zum Thema Pfadfinder» von Marina Casparis / Ronja, an der DMS Marzili, Bern (Münsingen und Bern, Februar 1998). Ein Exemplar der Arbeit befindet sich im Zentralarchiv+Museum und kann dort eingesehen werden. Alle Zitate stammen aus: «Das grosse Pfadfinderbuch» von Walther Hansen. Auswahl der Bilder: Aldo Scarpa / Kaag.


75 Jahre Pfadi in der Schweiz (1913–1988)

Ein kurzer Abriss der Geschichte des Schweizerischen Pfadfinderbundes, des Bundes Schweizerischer Pfadfinderinnen und der Pfadibewegung Schweiz 1913 bis 1988.

1910–1920

Die ersten Buben-Pfadigruppen in der Schweiz bildeten sich 1910, während sich die ersten Mädchen 1911 zusammenfanden. Am 5. oder 13. Oktober 1913, das ist heute nicht mehr genau feststellbar, gründeten die Vertreter der bereits bestehenden Kantonalverbände Genf, Waadt, Neuenburg, Bern, Basel, Zürich und St. Gallen/Thurgau im Kasino Bern den Schweizerischen Pfadfinderbund (SPB). William Borel wurde zum ersten Präsidenten gewählt. In den ersten Jahren arbeitete man mit einem Vorortssystem: Jeder Kanton blieb selbständig, ein Vorkanton erledigte die laufenden Geschäfte des Bundes und berief die Delegiertenversammlung ein. Genf wurde der erste Vorort. 1915 trat Freiburg dem SPB bei.

1913–1916 entstanden in der französischen und in der deutschen Schweiz mehrere Mädchenpfadigruppen, die jedoch zunächst ohne Zusammenhang blieben. 1917 organisierte Jeanne Paschoud ein Treffen der Führerinnen dieser Gruppen. Vertreterinnen aus Basel, Genf, Lausanne, Le Locle, Neuenburg, Villeneuve und Winterthur fanden sich dazu ein, während sich die Zürcherinnen entschuldigten. Die Idee einer Vereinigung wurde geboren.

Im Jahr 1918 gab sich der Bubenbund unter der Leitung von William Borel neue Satzungen, die einen Zentralpräsidenten und einen siebenköpfigen Vorstand vorsahen. Dessen Mitglieder stammten in der Regel noch aus demselben Kanton. Im gleichen Jahr wurde auch die Stiftung Schweizer Pfadfinderheime ins Leben gerufen. Ein Jahr später wurde in Lausanne die erste Nummer des «Kim» gedruckt. Der französischsprachige Teil der Führerzeitschrift war weitaus umfangreicher als der deutschsprachige. Ebenfalls 1920 wurde das später vielen Pfadigenerationen als «Thilo» bekannte «Livret de l'éclaireur Suisse» herausgegeben. Inzwischen hatten Graubünden (1918), Tessin, Zug, Solothurn, Schaffhausen (1919) und Aargau (1920) zum Bund gefunden.

Am 4./5. Oktober 1919 wurde der Bund Schweizerischer Pfadfinderinnen (BSP) gegründet. Die Abteilungen Basel, Bern, Genf, Lausanne, Neuchâtel und Zürich-Helvetia einigten sich auf sieben Gesetzesartikel, gemeinsame Statuten und ein gemeinsames Abzeichen. Die beiden ersten Führerinnen waren die Bernerinnen Edmée Vogel-de Watteville und Blanche de Haller. 1920 schlossen sich Villeneuve und St. Gallen an.

1921–1930

Yvonne Achard nahm 1921 die Geschicke des BSP in ihre Hände. Sie stellte eine gewisse Verwaltung auf die Beine, organisierte die Finanzen und leitete das neugeschaffene Sekretariat. In ihre Amtszeit fällt die Gründung der Zeitschrift «Trèfle». 1922 erschienen die ersten zehn Exemplare.

Ebenfalls 1922 regte die Stiftung Schweizer Pfadfinderheime, mit Hilfe aus Holland und England und unterstützt von der Schweizerischen Verkehrszentrale, die Gründung des Vereins Internationales Pfadfinderheim an. Man konnte das ehemalige Pemperazzagebäude in Kandersteg erwerben. Das erste Bundeslager des SPB wurde 1925 in Bern durchgeführt. Auch das ständige Sekretariat wurde in Bern geschaffen. Im folgenden Jahr erfolgte die Gründung des Materialbüros.

Im Reglement von 1924 wurde der Posten eines Bundesfeldmeisters vorgesehen, doch konnte er erst 1927 besetzt werden. Anlässlich der Reorganisation des Bundes an der Delegiertenversammlung 1927, die wie in den bisherigen Jahren in Bern abgehalten wurde, wechselte Walther von Bonstetten vom Amt des Präsidenten in jenes des Bundesfeldmeisters. Inzwischen waren Wallis (1924), Appenzell-Ausserrhoden (1925) und Luzern (1926) in den Bund aufgenommen worden.

1931–1950

Das erste Rovermoot fand 1931 in Kandersteg statt, während gleichzeitig in Genf das 2. Bundeslager durchgeführt wurde. Vier Jahre später wurde Kandersteg zum offiziellen Zentrum für die schweizerischen Führerkurse. 1932 schlossen sich die katholischen Abteilungen der deutschen Schweiz zum Verband Katholischer Pfadfinder zusammen.

Auch der BSP wuchs rasch und stetig. Waren es 1926 noch 600 Mitglieder in acht Abteilungen, so zählte der BSP 1939 bereits 6409 Mitglieder in 97 Abteilungen. Im Unterschied zum SPB, wo die Kantonalverbände den Bund bildeten, waren es im BSP die einzelnen lokalen Abteilungen, die sich im Bund zusammenfanden. 1931 entstanden erste PTA-Gruppen und 1936 schlossen sich die katholischen Pfadfinderinnen zusammen.

Das dritte Bundeslager der Knaben wurde 1938 in Zürich durchgeführt, während das 25. Jubiläum in Bern gefeiert wurde. Neu in den SPB aufgenommen wurden Appenzell-Innerrhoden, Uri (1936) und Schwyz (1938).

Der Kriegsbeginn blieb in der Schweiz nicht ohne Wirkung. Die Pfadfinder wurden im Pfadfinder-Hilfsdienst zur Unterstützung der Armee eingesetzt. Viele Pfadfinderinnen meldeten sich beim Roten Kreuz. Die Organisation der landwirtschaftlichen Hilfslager wurde zu Beginn ebenfalls durch Pfadfinderinnen sichergestellt und später von der Regierung übernommen. 1940 schlossen sich die protestantischen Pfadfinderinnen zusammen. Der 25. Geburtstag des BSP im Jahre 1944 wurde mit einer Stafette durch die ganze Schweiz gefeiert.

Nachdem Pfadfinderinnen und Pfadfinder 1941 mit dem Roten Kreuz kriegsgeschädigten Kindern geholfen hatten, organisierte der BSP 1945/46 Lager für Mädchen aus Frankreich und Österreich, während der SPB 1945 mit 2000 Knaben insgesamt 70 solcher Lager durchführte.

1945 wurden im SPB die Pfadfinder Trotz Allem (PTA) gegründet. Für die BSP-Führerinnen wurden regelmässig Ausbildungslager durchgeführt. 1946 waren auch tschechische, italienische, englische und französische Führerinnen nach Kambersberg (SO) eingeladen. Zum ersten Mädchen-Bundeslager trafen sich 1947 in Münster (Goms) mehr als 300 Führerinnen.

Die Heilsarmee-Pfadfinder wurden 1947 in den SPB aufgenommen, und die Heilsarmee-Pfadfinderinnen schlossen sich 1948 dem BSP an.

Das vierte Bundeslager des SPB fand 1948 in Trevano im Tessin statt. 1949 begingen die Pfadfinderinnen ihr 30-Jahre-Jubiläum mit einem Gotthardlager, welchem unter anderem auch Lady Baden-Powell einen Besuch abstattete. Im folgenden Jahr versammelten sich Gruppenführerinnen aus der ganzen Schweiz nach einem dreitägigen Wanderlager auf der Rigi zu einem gemeinsamen 1. August-Feuer.

1951–1970

1951 halfen BSP und SPB in den Bergkantonen Lawinenschäden beheben. 1952 feierte das «Our Chalet» in Adelboden, eines von vier internationalen Zentren des Mädchen-Weltbundes, sein 20-jähriges Bestehen. Kandersteg erlebte 1953 eine Neuauflage des Rovermoots.

Den Führerinnen des BSP wird 1953/54 in den Freibergen Gelegenheit geboten, den Fähigkeitsausweis zur Leitung von Lagern zu erwerben, indem sie ihre Lager unter Aufsicht leiteten. 1956 fand, ebenfalls in den Freibergen, das fünfte Bundeslager des SPB statt.

1955 übernahm es der BSP, in Boldern (ZH) ein internationales Ausbildungslager für die PTA zu organisieren. Zwei Jahre später fanden sich 6300 Pfadfinderinnen im Goms aus Anlass des Jubiläums «100 Jahre BiPi» zu einem Weltlager zusammen.

1958 wurde die Aufmachung des «Kim» grundlegend geändert. Der deutschsprachige Teil gewann gegenüber dem französischsprachigen zunehmend an Wichtigkeit. 1959 wurde ein Schritt auf dem Weg zu vermehrter Zusammenarbeit zwischen beiden Pfadibünden getan: die beiden Materialbüros wurden zusammengelegt.

Der SPB erstand 1960 das Lagergelände in Ayent, 1962 mit einer Jubiläumsaktion zum 50-jährigen Bestehen die Alpe di Paz, und an der ausserordentlichen Delegiertenversammlung 1963 wurde nebst einer Satzungsrevision der Kauf des Pfadiheims Andwil beschlossen.

1964 beteiligte sich der SPB an der EXPO in Lausanne. Der «Verein Internationales Pfadfinderheim» und der «Pfadfinder-Alpenclub» fusionierten zum «Verein Internationales Pfadfinderzentrum Kandersteg».

Im Domleschg fand zum sechsten Male ein Bundeslager des SPB statt. Es nahmen über 12 000 Pfadis aus der ganzen Schweiz daran teil.

Der BSP führte 1969, anlässlich seines 50-jährigen Bestehens, ein Jubiläumsbundeslager im Bleniotal durch. Im gleichen Jahr kam es zwischen den Organen beider Bünde zu Gesprächen über konkrete Vorschläge für gemeinsame Tätigkeiten, und die Idee des gemeinsamen Roverschwerts kam auf. Das erste wurde 1970 von den beiden Zürcher Kantonalverbänden organisiert.

1971–1988

Nach der Genehmigung des Verfassungsartikels über Turnen und Sport durch das Schweizervolk im Jahre 1971, begann der Aufbau von «Jugend und Sport», an dem sich BSP und SPB von Anfang an intensiv beteiligten.

Anfang der 70er-Jahre bildeten Vertreterinnen der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Pfadfinderinnen (AKP) und die Equipe Protestante eine ökumenisch arbeitende Equipe unter dem Namen «Animation spirituelle».

In den 70er-Jahren begannen verschiedene Kantone damit, gemeinsame Ausbildungskurse für Führerinnen und Führer aus SPB und BSP anzubieten. Das gemeinsame Ausbildungsmodell entstand 1979.

1980 fand das erste gemeinsame Bundeslager beider Pfadibünde statt. Das Greyerzerland wurde während dieser Zeit von über 22 000 Pfadfinderinnen und Pfadfindern bevölkert.

1982 schlossen BSP und SPB eine Vereinbarung über die Zusammenarbeit ab, bestimmten je ihre Vertreter*innen in der Fusionskommission und nahmen Fusionsverhandlungen auf.

In immer mehr Bereichen, wie Ausbildung, Führer*innen-Zeitschrift, gemeinsame Anlässe, gemeinsame Arbeitsgruppen, usw. wurden die Zusammenarbeit praktiziert und viele nützliche Erfahrungen gesammelt. Ende 1985 legte die Fusionskommission ein erstes Projekt für Statuten, pädagogische Grundlagen der Tätigkeit in den vier Stufen und Regelungen im finanziellen und administrativen Bereich vor. Zu diesem «Fusionspaket 1» konnten sich alle Kantonalverbände und Abteilungen beider Bünde äussern. Die Gelegenheit zur Stellungnahme hatten sie noch ein zweites Mal, als das Fusionspaket 2 fertig gestellt war. Am 24. Mai 1987 wurden all diese Bestrebungen, BSP und SPB zu vereinigen, von Erfolg gekrönt. An zwei parallel stattfindenden Delegiertenversammlungen in Luzern sagten die Delegierten beiden Bünde «Ja» zu einer gemeinsamen Zukunft unter der Flagge des neuen gemeinsamen Verbandes, der Pfadibewegung Schweiz (PBS).

An der ersten Delegiertenversammlung der PBS in Aarau wurden am 24./25. Oktober 1987 die neuen Organe gewählt, welche sich gemäss den in Luzern genehmigten Statuten aus Frauen und Männern sowie aus Vertreter*innen aller Sprachregionen zusammensetzten.


Referenz:
«Zwäg uf em Wäg, 75 Jahre Pfadi in der Schweiz», Bundesleitung der Pfadibewegung Schweiz [Hg.], 1988.


Geschichte des Schweizerischen Pfadfinderbundes (1910–1945)

Die Geschichte des Bunbenbundes in der Schweiz (1910–1945) sowie der Gründung der «Pfadi Trotz Allem», dank der auch Menschen mit Behinderung Pfadi erleben können.

Die Gründungsjahre

Erste Pfadfindergruppen entstanden in der Schweiz in den Jahren 1910 (Knaben) und 1911 (Mädchen). Im Herbst 1913 gründeten Vertreter der bereits bestehenden Kantonalverbände Genf, Waadt, Neuenburg, Bern, Basel, Zürich und St. Gallen/Thurgau in Bern den Schweizerischen Pfadfinderbund (SPB). Das genaue Gründungsdatum ist allerdings unklar. Es liegt zwar eine Einladung zur konstituierenden Generalversammlung am 17. September vor, die Satzungen von 1918 nennen aber den 5. Oktober 1913 als Gründungsdatum.

Der Einfluss des SPB war in den ersten Jahren nach der Gründung gering und beschränkte sich auf gewisse Kontroll- und Verwaltungsaufgaben. Die Kantonalverbände behielten ihre volle Unabhängigkeit; ein Vorkanton erledigte die laufenden Geschäfte des Bundes. Erster Präsident des Pfadfinderbundes war William Borel, der Präsident der Genfer Pfadfinder, der schon das zuvor bestehende «Comité central romand» präsidiert hatte. Auf seinem Entwurf beruhten die ersten Satzungen.

Neuorganisation und erstes Bundeslager

1918 gab sich der SPB neue Satzungen, die einen siebenköpfigen gesamtschweizerischen Vorstand und einen Zentralpräsidenten vorsahen. Als Zentralpräsident amtete vom 23. März 1918 an Walther von Bonstetten, einer der Begründer der Pfadfinderschaft in Bern.

1923 gelang es der Führung des Schweizerischen Pfadfinderbundes, ein Gebäude bei Kandersteg zu erwerben, das in der Folge unter internationaler Trägerschaft zu einem Internationalen Pfadfinderheim ausgebaut wurde. Dessen Leitung übernahm ab 1925 der Pfadfinder-Alpenklub (PAC).

Inspiriert durch die Weltpfadfindertreffen 1920 in London und 1924 in Kopenhagen führte der SPB 1925 in Ostermundigen ein erstes Bundeslager durch. Im gleichen Jahr wurde in Bern ein ständiges Sekretariat geschaffen. Weitere Bundeslager fanden später in Genf (1932) und in Zürich (1938) statt.

Bei der Reorganisation des Pfadfinderbundes im Jahr 1927 wechselte Walther von Bonstetten ins neugeschaffene Amt des Bundesfeldmeisters. Nachdem das Projekt eines Führerfortbildungslagers mehrfach im Sand verlaufen war (bereits 1923 musste ein geplantes Fortbildungslager abgesagt werden), wurde die Durchführung eines solchen Ende 1927 definitiv beschlossen. Es fand im Sommer 1928 unter der Leitung von Louis Blondel in Greng am Murtensee statt.

Das Pfadizentrum in Kandersteg entwickelt sich

Im Jahr 1931 war der SPB ein erstes Mal Ausrichter eines internationalen Pfadfinderlagers. Schon 1926 hatte der 3. Internationale Kongress im Internationalen Pfadfinderzentrum Kandersteg stattgefunden; nun war Kandersteg, wo der Pfadfinder-Alpenklub kurz zuvor das Gelände der Lötschbergtunneldeponie erworben hatte, auch Austragungsort des erstmals durchgeführten Rovermoots.

An der Delegiertenversammlung 1934 in Baden wurde der Genfer Louis Blondel als Nachfolger des zurücktretenden Walther von Bonstetten zum neuen Bundesfeldmeister gewählt.

Seit 1933 waren verschiedentlich Führerfortbildungskurse des SPB in Kandersteg durchgeführt worden; mit der Einweihung eines festen Kurszentrums auf dem Gelände des Internationalen Pfadfinderheims im Sommer 1937 wurde Kandersteg zum ständigen Austragungsort sämtlicher Fortbildungskurse des SPB.

Die Kriegsjahre

Der Ausbruch des Krieges beeinflusste auch die Pfadfinderbewegung in der Schweiz: Pfadfinder wurden im Hilfsdienst eingesetzt, viele Pfadfinderinnen unterstützten das Rote Kreuz. Auch die Organisation der landwirtschaftlichen Hilfslager wurde anfänglich durch Pfadfinder und Pfadfinderinnen sichergestellt. Schon in den letzten Kriegsjahren, vor allem aber unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges engagierten sich SPB und BSP in der Durchführung von Lagern für kriegsgeschädigte Kinder.

An der Delegiertenversammlung 1945 wurde, nachdem es schon seit 1924 einzelne Gruppen mit körperlich oder geistig beeinträchtigten Pfadfindern gegeben hatte, mit den «Pfadfindern Trotz Allem» (PTA) offiziell der neue Zweig der Pfadfinder mit Behinderung geschaffen. Der Walliser Arzt und Pfadfinderführer Hans Voûte übernahm die Leitung der PTA-Beratungsstelle.


Referenz:
Dominik Stroppel: Der Schweizerische Pfadfinderbund 1918–1945 (Dissertation an der Universität Zürich). Das Buch ist im Handel nicht mehr erhältlich (vergriffen), kann aber beim Verein Zentralarchiv + Museum der Pfadibewegung Schweiz und in allen grösseren Bibliotheken (Zentralbibliothek Zürich, Staatsarchiv Zürich, Sozialarchiv Zürich, Landesbibliothek Bern, etc.) ausgeliehen werden.


Entstehung und Entwicklung der Pfadfinderinnenbewegung

Wie auch die Mädchen begannen, sich für die Pfadfinderbewegung zu interessieren und wie Baden-Powells Ehefrau Olave das Erbe ihres Mannes weiterführte.

Entstehung der internationalen Pfadfinderinnenbewegung

Die Pfadfinderbewegung wurde von Lord Robert Baden-Powell 1907 ins Leben gerufen. 1909 hielten die Pfadfinder in London eine Versammlung ab; am Vorbeimarsch sah man unter den 11 000 Knaben einige Gruppen von Mädchen, die mit grossen Rucksäcken und Stöcken wie die Buben mitmarschierten. Warum sollten die neuen Ideen nicht auch für die Mädchen gelten, fragte sich Baden-Powell; auch sie sollten verantwortungsbewusste Bürgerinnen, pflichtgetreue und hilfsbereite Menschen werden. Die Pfadfinderinnen waren da, wie es diese Versammlung bewiesen hatte; nun galt es, ihnen ein Programm und eine Leitung zu geben und die Auswüchse, die in kritikloser Nachahmung der Buben lag, in vernünftige Bahnen zu lenken. So schrieb Baden-Powell 1910 Girl Guiding (Pfadfinderinnen). Die von den Pfadfindern getrennte Organisation der Mädchen übernahm die Schwester des Gründers, Miss Agnes Baden-Powell. Ihrer Initiative und Tatkraft ist die Gründung einer gesunden Pfadfinderinnenbewegung zu verdanken. Sie hatte wie ihr Bruder, originelle Ideen, züchtete im eigenen Heim Bienen und Vögel, und schreckte vor keinem Hindernis zurück.

Die Bewegung blieb nicht lange auf England beschränkt. Der Funke hatte gezündet und sprang auf andere Länder über: bereits 1912 finden wir Pfadfinder- und Pfadfinderinnengruppen in den USA, in Dänemark, Finnland, Holland, Kanada, Polen, Südafrika und Australien, die aber unabhängig von einander arbeiten.

Als 1914 der Weltkrieg ausbrach, hatten schon viele Länder festgefügte Organisationen und überall war die junge Bewegung bereit, ihrem Lande auf jede mögliche Weise zu dienen und sich nützlich zu machen. Trotz der mannigfachen kriegsbedingten Hilfeleistungen hörte die innere Entwicklung der Bewegung während des Krieges nicht auf: Wölfe und Bienli erschlossen den Jüngsten das Pfadfinderspiel und Baden-Powell arbeitete seinen Plan für Rovers und Rangers aus. Er hatte sich schon vor dem Krieg ganz vom Militär zurückgezogen, um nur noch für die Pfadfinderidee zu wirken, der seine ganze Kraft und Liebe galt. Als Chief Scout besuchte er auf manch unvergesslicher Kreuzfahrt seine Pfadfinder in aller Welt und fehlte an keinem Jamboree (internationales Pfadfinderlager).

Die Pfadfinderinnen erlebten einen starken Aufschwung, als sich während des ersten Weltkrieges eine Persönlichkeit für sie einsetzte, die das Wort unmöglich nicht kennt: Lady Baden-Powell, die Gattin des Gründers. Der Chief Scout hatte seine Frau, die 32 Jahre jüngere Olave Soames (geb. 22. Febr. 1889), auf einer Meerreise kennen gelernt und mit ihr kurz darauf eine glückliche Familie gegründet. Erst als es die Mutterpflichten ihren drei Kindern gegenüber erlaubte, übernahm Lady Baden-Powell die oberste Führung der englischen Pfadfinderinnen. 1930 wurde sie zur World Chief Guide ernannt. Sie ist der Mittelpunkt der Pfadfinderinnenbewegung geblieben und nach dem Tode ihres Gatten (1941 in Kenya) trat sie mutig sein grosses Erbe an: die Pfadfinderidee weiterzutragen in alle Welt. Unzählige Reisen führten sie seit dem zweiten Weltkrieg zu ihrer grossen Pfadfinderfamilie und die Schweizerinnen werden nie vergessen, wie sie unter dem Klang der Friedensglocken im Mai 1945 über unsere Grenze gekommen ist und gleichsam die Türen zur Welt wieder geöffnet hat. Lady Baden-Powells spontane, herzliche und offene Art, ihr Charme und ihre Fröhlichkeit öffnen die Herzen der Pfadfinder aller Erdteile, aller Rassen und Sprachen.

Der Wunsch nach internationaler Zusammenarbeit war schon bald nach dem ersten Weltkrieg wach geworden. Um allen Anfragen, die nach London gerichtet wurden, gerecht werden zu können, gründete Lady Baden-Powell 1919 den Internationalen Rat und wurde dessen erste Präsidentin. 1920 tagte die erste internationale Konferenz in Oxford mit Vertreterinnen von 18 Ländern, unter denen sich auch die Schweiz befand.

In Foxlease (England) fand 1924 ein erstes internationales Lager mit 1000 Pfadfinderinnen aus 40 verschiedenen Ländern statt. 1927 wurde Genf (Ariana) der Treffpunkt des zweiten internationalen Lagers. Gleichzeitig besuchten Lord und Lady Baden-Powell die Schweiz, da Baden-Powell gebeten worden war, im Rahmen der Tagungen des Völkerbundes einen Vortrag über Erziehungsfragen zu halten.

Erst 1928, an der fünften internationalen Konferenz in Budapest wurde der Weltbund der Pfadfinderinnen gegründet.

Die von allen dem Weltbund angehörenden Ländern angenommenen Grundlagen sind:

  • Gesetz und Versprechen (in einem Kleeblattabzeichen symbolisiert)
  • die Schriften Baden-Powells
  • Unabhängigkeit der Bewegung, die Mädchen jeder Religion, jeder Rasse und Nationalität offensteht
  • Freiwilligkeit der Mitgliedschaft.

Das allen Pfadfinderinnen gemeinsame Abzeichen ist ein goldenes Kleeblatt auf blauem Grund. Die einzelnen Teile des Kleeblattes haben folgende Bedeutung:

  • Zwei Sterne – Gesetz und Versprechen
  • Mittellinie – Kompassnadel, die den rechten Weg weist
  • Heraldisches Zeichen für Feuer – Flamme der Nächstenliebe
  • Gold auf blau – Sonne, die aus dem blauen Himmel für alle Pfadfinderinnen scheint.

Die Mitglieder des Weltbundes treffen sich alle drei Jahre zur Weltkonferenz, zu der jedes Land ohne Rücksicht auf seine Mitgliederzahl zwei Delegierte und eine Anzahl Besucherinnen entsenden kann, die zusammen eine Stimme pro Land haben. Die Weltkonferenz beschliesst über die Tätigkeit des Weltbundes und beauftragt das Weltkomitee, die Beschlüsse auszuführen. Verschiedene Kommissionen sind mit bestimmten Aufgaben betraut, zum Beispiel Finanzen, Training usw. und mit der Verwaltung der dem Weltbund gehörenden Heime.

Das Weltbureau in London ist das Sekretariat des Weltbundes, es wird von einer Direktorin geleitet. Die offizielle Zeitschrift des Bundes ist The Council Fire.

Der 22. Februar, der gemeinsame Geburtstag von Lord und Lady Baden-Powell, ist Internationaler Gedenktag der Pfadfinderinnen der ganzen Welt. An diesem Tage gibt jedes Pfadi einen Beitrag an den Gedenktag-Fonds, der dem Weltbund ermöglicht, auf mannigfache Art die Entwicklung und Ausbreitung der Pfadfinderinnenbewegung zu fördern, sei es durch Entsenden von Trainern in neue Länder, durch Herausgabe von Pfadfinderliteratur, durch Austausche und so weiter.

Ein Mittelpunkt der internationalen Beziehungen ist Unser Chalet in Adelboden. Eine Amerikanerin, Mrs. J. Storrow, schenkte dem Weltbund dieses Heim zur Verbreitung des Pfadfindergedankens und des guten Willens zwischen den Völkern. 1932 wurde das Chalet eröffnet und während 20 Jahren von Falk (Ida von Herrenschwand) geleitet; im Laufe der Jahre haben zehntausende von Pfadfinderinnen aller Länder dort unvergessliche Ferien und Ausbildungskurse verlebt. Die beiden anderen Heime des Weltbundes sind Unsere Arche in London (1939 eröffnet) und seit 1957 Unsere Cabana in Cuernavaca, Mexico.

Auch während des zweiten Weltkrieges hat sich das Pfadfindertum entwickelt, und überall haben seine Mitglieder ihren Ländern wertvolle Dienste geleistet.

An der Weltkonferenz in Evian (Frankreich) 1946 wurden die internationalen Beziehungen wieder aufgenommen, die sich seither sehr stark entwickelt haben. Die Weltkonferenz tagte 1948 in Cooperstown (USA), 1950 in Oxford (England), 1952 in Dombas (Norwegen), 1954 in Zeist (Holland) und 1957 in Petropolis (Brasilien).

1957 feierte die Pfadfinderbewegung die 100. Wiederkehr des Geburtstages von Lord Baden-Powell. Die Schweiz war Gastland für eines der Jubiläums-Weltlager, das als Gomserlager in die Geschichte des BSP eingegangen ist. Die anderen Weltlager fanden auf den Philippinen, in Grossbritannien und Kanada statt.

1959 gehören 33 Vollmitglied- und 11 Probemitglied-Länder dem Weltbund an, und viele andere werden durch den Weltbund auf ihre Aufnahme vorbereitet. Die Entwicklung ist besonders stark in Lateinamerika und in Asien, wo der Weltbund seine ständigen Vertreterinnen zur Beratung und zur Ausbildung von Führerinnen einsetzt.

Besuche, Austausche, Lager im Ausland: es bieten sich jedes Jahr manche Möglichkeiten, die internationale Seite der Bewegung zu erleben und die Bedeutung der weltweiten Pfadfinderkameradschaft persönlich zu erfahren und zum guten Willen zwischen den Völkern beizutragen.

Entstehung und Entwicklung der Schweizer Pfadfinderinnenbewegung

Der zündende Gedanke der Pfadfinderwegung fasste bald in der Schweiz Fuss und so entstanden unabhängig von einander an verschiedenen Orten Mädchenbünde, die nach dem Vorbild der Pfadfinderinnen zu leben versuchten (1913–1916).

Auf Anregung von Frl. Jeanne Paschoud (Lausanne) trafen sich 1917 Vertreterinnen dieser Bünde aus Basel, Genf, Lausanne, Le Locle, Neuenburg, Villeneuve und Winterthur, während Zürich sich entschuldigen liess. Trotz ihrer verschiedenen Namen (Hochwacht, Hilfsbereite, Eclaireuses) und verschiedenen Uniformen hatten diese Mädchengruppen eine gemeinsame Grundlage: die Schriften Baden-Powells. Es wurde beschlossen, den schweizerischen Kontakt zu festigen und sich zu einer Vereinigung zusammenzuschliessen; am 4./5. Oktober 1919 konnte in Bern die Fédération des Eclaireuses Suisses, zu deutsch damals Bund Schweizerischer Mädchenvereine gegründet werden. In den Statuten wurden die gemeinsamen Richtlinien festgelegt und für alle ein Abzeichen geschaffen, das Kreuz und Höhenfeuer zeigte. Niemand wollte sich von der lieb gewordenen Uniform trennen sei sie nun khaki, gestreift oder blau und so wurde vorerst von einer Vereinheitlichung abgesehen; erst drei Jahre später wurden die blauen Blusen und grossen Filzhüte der Berner zur schweizerischen Uniform bestimmt und mit kleinen Änderungen bis heute beibehalten.

Der Bund wurde zuerst durch die Generalsekretärin (ab 1926 schweizerische Hauptführerin genannt), Yvonne Achard, geleitet. Sie hatte in Genf Wohnsitz und so war vorerst das Zentralsekretariat dort untergebracht. Die heutige Organisation datiert aus dem Jahre 1939. Die bisherige Bundesführerin sah sich nach 20-jähriger Tätigkeit gezwungen, ihr Amt in andere Hände zu legen. Thérèse Ernst, eine der ersten Pfadfinderinnen des Waadtlandes und spätere Kantonsführerin, übernahm die nicht leichte Aufgabe und lenkte mit Geschick das Pfadi-Schiff durch die Fährnisse der Kriegszeit Bis 1957 widmete sie sich mit Hingabe dem schweizerischen Bund, um dann das Amt in die Hände von Perle Bugnion-Secretan zu legen. Ein langer Weg führt zum heute festgefügten Bund Schweizerischer Pfadfinderinnen (BSP) mit seinen rund 11 000 Aktiven. 1922 entstand die offizielle Zeitschrift, das Rot-Weisse Kleeblatt. Der Eintritt in den Weltbund der Pfadfinderinnen forderte kein kleines Opfer: Gesetz und Abzeichen sollten geändert werden! Auf Anraten von Lady Baden-Powell wurde das siebengliedrige schweizerische mit dem 10 Artikel umfassenden internationalen Pfadfinderinnen-Gesetz vertauscht und an Stelle des alten Abzeichens trat das rot-weisse Kleeblatt (1925). Mit dem neuen Gesetz wurde auch das Versprechen aufgenommen, von dem weder in den Statuten des Bundes noch im früheren Gesetz die Rede gewesen war.

Um die Arbeit der Abteilungen in eine einheitliche Richtung zu lenken, wurden die Prüfungen (Jungpfadi-, II. und I. Klass-Examen) festgelegt. Die Ausbildung der Führerinnen war bald eines der wichtigsten Probleme und ist es bis heute geblieben. Zur Ausbildung des Kaders wurden Spezialistinnen und Instruktorinnen berufen, die mit Rat und Tat den jungen Führerinnen beistunden. Es folgten schweizerische Ausbildungslager, das erste Führerinnenlager zur Erlangung der Lagererlaubnis in Gümligen (1928), das erste Gruppenführerinnenlager in Areuse (1931), das erste Nationallager in Baldegg (1937) und viele andere ein jedes für die Teilnehmer unvergesslich. Die gesamtschweizerischen Treffen entsprachen einem besonderen Bedürfnis während des zweiten Weltkrieges, wo keine Möglichkeit für Auslandtreffen bestand, wie sie sonst so beglückende Beziehungen schufen. Seither sind die jährlich stattfindenden Schulungslager für Gruppenführerinnen und Führerinnen zur Tradition geworden. Die Kriegszeit brachte ganz besondere Aufgaben: verschiedene Abteilungen organisierten Landdienstlager und in Verbindung mit der Kinderhilfe des Roten Kreuzes entstanden Erholungslager für kriegsgeschädigte Kinder. Führerinnen und ältere Pfadfinderinnen (ab 18 Jahren) wurden zum Dienst in der Freiwilligen Sanitätshilfe verpflichtet und fanden in den MSA (Militärsanitätsanstalten) ein sehr interessantes und vielseitiges Arbeitsfeld. Diese Rotkreuzpfadfinderinnen bestehen weiter. Sie sind ein wichtiges Glied in den Rotkreuz-Detachementen einer MSA. Eine Rotkreuz-Pfadfinderin weiss, dass sie im Kriegs- oder Mobilmachungsfall einen nützlichen Posten versehen kann und bereitet sich in Friedenszeiten darauf vor. Das 25jährige Bestehen des BSP wurde mit einer grossen Stafette gefeiert, die in Bern ihren Anfang nahm und innert 24 Stunden eine Botschaft der Bundesführerin zu allen Abteilungen trug. Zur Erinnerung an die Gründung vor 30 Jahren lagerten 1949 fast alle Abteilungen in den Tälern am Gotthard und trafen sich zur feierlichen Begehung dieses Tages in Ulrichen im Oberwallis. 1957 versammelten sich 6'300 Pfadfinderinnen aus 28 Ländern in 10 Lagerdörfern im Goms, um des 100. Geburtstages ihres Gründers zu gedenken. Ein origineller Gruppenwettkampf wurde 1959 zur Feier des 40jährigen Bestehens des Bundes Schweizerischer Pfadfinderinnen durchgeführt.


Referenz:
Der Text stammt aus der BSP-Informationsbroschüre «Wir Pfadfinderinnen» (Bern, ca. 1957), welche im Zentralarchiv der PBS eingesehen werden kann. Die Schreibweise (inkl. allfälliger Fehler) wurde gemäss dem Original übernommen. Abschrift: Doris Stroppel-Lutz.